Der Ritter der Rose

Der Ritter der Rose
Teil Eins – Sophia

Roman von Anaiya Sophia in einer Übersetzung von Johanna Schütte
– Auszug –

voraussichtliches Erscheinen der deutschen Ausgabe: Sommer 2025

Titelbild – The Magdalene von Jo Jayson

    „Es wird Zeiten geben, in denen sie mehr an dich glauben werden, als du an dich selbst glaubst. In diesen Zeiten werden sie die am Horizont aufziehenden Bedrohungen glasklar voraussehen! Du wirst in deiner schwersten Stunde den Eindruck haben, dass du im Streben nach einem höheren Gut einen einsamen Kampf gegen die dunkle Seite deiner Macht führst. Das ist der Moment, an dem du dich an diese Botschaft erinnern und ihr treu bleiben musst!“

    Die Worte von gestern Abend dröhnen in meinen Ohren. Tränen steigen mir in die Augen und ich bemerke zum ersten Mal, wie müde ich bin, wie erschöpft ich mich von dieser Reise fühle. Ich blicke zurück und sehe den gesamten Weg: die Erinnerungen an meine Kindheit als Einzelkind, das bei zwar Mama und Papa aufwuchs , aber entdeckte, dass es seinen einzigen Trost im Wald bei den Tieren fand. Ich sehe meine Unbeholfenheit als Mensch, das Unbehagen, hier zu sein, das Verlangen nach etwas Größerem, die Sehnsucht nach meinem wahren Zuhause. Ich sehe, wie unauthentisch ich in Beziehungen war. Wie diese Sache, die sich Liebe nannte, nichts mit der Liebe zu tun hatte, wie ich sie in meiner Erinnerung trug. Ich spüre das klaffende Loch in meinem Herzen, das entstand, als mir klar wurde, wie weit ich mich von zu Hause entfernt hatte und dass ich keine Ahnung hatte, wie ich jemals dorthin zurückkehren könnte. In der Rückschau kann ich jetzt erkennen, dass meine Anziehung zu Samael auf einer uralten Erinnerung beruhte. Bei ihm hatte ich eine Ahnung von Familie, und als er um meine Hand anhielt, ergriff ich die Chance, ihn zu heiraten. Für ein paar flüchtige Momente war es wahrlich grandios, ein überwältigendes Wiedersehen, das das Leben auf der Erde fast erträglich machte.

    Und dann wurde es zur schlimmsten Tortur, zu einer Art höllischem Albtraum, der mich fast zu Brei zermalmte. Ich schrecke innerlich zurück, als ich mich daran erinnere, wie schon der bloße Anblick des anderen Wunden in uns öffnete, die streng tabu waren – Wunden, von denen wir glaubten, sie seien niemals zu heilen. Wir kämpften und prallten Tag und Nacht aufeinander, und trotzdem… ich liebe ihn. Ich liebe ihn als meinen Ehemann und ich liebe ihn als meinen Sohn. Und mit Schrecken erkenne ich, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um ihn zu retten, selbst wenn er versucht, die Welt zu zerstören.

    „Mylady, geht es Euch gut?“ Marthas sanfte Stimme erreicht mich in meinen Erinnerungen.

    Irgendwo aus meinem tiefsten Inneren antwortet eine Stimme: eine Stimme, die von einem tiefen Glauben durchdrungen ist, der paradoxerweise nun ausgerechnet durch meine Liebe zu Samael wiederhergestellt worden ist. „Ja Martha, es geht mir gut. Ich bin bereit, das zu tun.“

    Leonardo kommt zu uns herüber und schließt mich in eine feste Umarmung. „Es ist nicht unmöglich, jemandem die Wahrheit zu sagen… der sie bereits kennt.“ Er zwinkert mir zu.

    Es wird Zeiten geben, in denen sie mehr an dich glauben werden, als du an dich selbst glaubst.